Wann wir endlich aktiv werden
Es war Ende Gymnasium und anfangs Studium, als meine Waage immer mehr anzeigte. Über mehrere Monate stiegen mein Gewicht, meine Unzufriedenheit und meine Beschwerden. Kurz bevor meine Waage 90kg anzeigte, zog ich die Reissleine und ging das Problem aktiv an. Ein paar Wochen später fühlte ich mich endlich wieder wohl und fit.
Vor kurzem las ich zum ersten Mal vom „Region-Beta-Paradox“. Es stammt aus der Entscheidungs- und Motivationspsychologie und beschreibt eine nichtlineare Beziehung zwischen Problemstärke und Bewältigungsreaktion. Kleine Probleme nerven, aber man tut wenig dagegen. Erst bei grossen Problemen werden wir aktiv und mobilisieren die nötigen Ressourcen, um etwas zu verändern. Das grössere Problem wird schneller gelöst als das kleine.
Das Paradoxe daran: Es wäre besser für uns, wenn es uns schlechter ginge, denn dann würden wir etwas ändern. Eine Verschlechterung der Situation würde eine Verbesserung bedeuten, weil wir uns dann gezwungen sähen, zu handeln.
Wenn ab und zu mal ein bisschen der Rücken zwickt, machen wir die empfohlenen Übungen nur sporadisch oder gar nicht. Die Beschwerden bleiben über Wochen bestehen. Sobald es aber voll reinschiesst und das Sockenanziehen zur Qual wird, brauchen wir gestern einen Physiotherapie-Termin und passen unseren Alltag an. Erst dann kommen die Fortschritte, oft innerhalb weniger Tage.
Das ist kein Charakterfehler, sondern menschlich. Veränderung kostet mentale Energie, und die sparen wir oft, bis es nicht mehr anders geht.
Und falls mein Zahnarzt das lesen sollte: Ich komme wieder, versprochen! Aber wahrscheinlich erst, wenn es ganz schlimm ist.

